Von den Anfängen bis heute

Die Gründung

Bevor wir uns in die Anfangszeit unseres Vereins vertiefen, werden Altgediente und kundige Chronisten jedoch den Einwand haben, dass die Geschichte des Naturschutzbundes in Niederösterreich wesentlich älter ist: Der eigentliche Beginn lässt sich mit der Herausgabe der ersten Nummer der „Blätter für Naturkunde und Naturschutz“ durch den „Verein für Landeskunde in Niederösterreich“ am 1. Dezember 1913 festmachen. Der „Österreichische Naturschutzbund“ mit eigenem Vereinsstatut ist 1924 aus dem „Österreichischen Verein Naturschutzpark“ hervorgegangen, dessen Obmann damals HR Prof. Dr. Günther Schlesinger war. Seiner Initiative ist es auch zu verdanken, dass Niederösterreich das erste Bundesland war, das 1924 ein Naturschutzgesetz verabschiedete.
Die Ereignisse des 2. Weltkriegs brachten es mit sich, dass der „Österreichische Naturschutzbund“ 1939 aufgelöst und in die „Donauländische Gesellschaft für Naturschutz und Naturkunde“ eingegliedert wurde. Aus dieser ging 1948 der Naturschutzbund Österreich wieder hervor.

Der Wienerwald eine Keimzelle für den Naturschutz
„Niederösterreich ist das Kernland des Österreichischen Naturschutzbund“ schreibt HR Dr. Erich Czwiertnia zum 60-jährigen Jubiläum des Bundesverbandes. Denn durch die Zerstörung der Natur im Umfeld der Großstadt Wien, insbesondere im Wienerwald, fiel der Widerstandsgeist von Josef Schöffel auf einen guten Nährboden unter den Naturschützern in Niederösterreich.

Die Gründung der Landesgruppe Niederösterreich
Der Anstoß für die Gründung von Landesgruppen, war die Entscheidung des Bundesverbandes, dass Naturschutzaufgaben effektiver dezentral erledigt werden können. Die Gründung der „Landesgruppe Niederösterreich des Naturschutzbund Österreich (kurz Naturschutzbund NÖ)“ im Juni 1960 ging von einem Mödlinger Proponentenkomitee unter der Führung von Prof. Oszczity, dem Vorsitzenden der ÖNB-Bezirksgruppe „Naturschutzverein Schöffel“, aus: Am 11. des Monats trafen sich Naturschutzbund-Mitglieder aus Niederösterreich und zahlreiche Gäste im Rittersaal des niederösterreichischen Landhauses und riefen die Landesgruppe Niederösterreich ins Leben. Einhellig wurde folgender Vorstand, der naturgemäß vor allem naturschutzaktive Personen aus dem Raum Mödling umfasste, gewählt:

1. Obmann: Prof. Dr. Josef Th. Oszczity (Mödling)
2. Obmann: DI Arch. Willi Zotti (St. Pölten)
3. Obmann: Hauptschuldirektor Obmann OSR Fritz Müller (Mödling)
Kassier: Volksschuldirektor i.R. Ferdinand Zeidler (Mödling)
Schriftführerin: Edith Breindl (Mödling)

1. Obmann Prof. Oszczity © Archiv NÖNB

In seiner Antrittsrede betonte der neue Vorsitzende als wichtigste Aufgabe, die Organisation in jedem Bezirk zu stärken und "den Naturschutzgedanken bis ins kleinste Dorf zu tragen".
Der Vereinssitz war zunächst in Mödling und wurde 1965 nach Wien in die Herrengasse in Räumlichkeiten des NÖ Landesmuseums verlegt, wo der vielfältig mit dem Naturschutzbund verbundene HR Dr. Lothar Machura wirkte.

Die 60er Jahre

Flugblatt Kraftwerk Ötscher-Tormäuer, Archiv NÖNB

Die erste Arbeit trug bereits Früchte
Noch im selben Jahr der Gründung trat die Landesgruppe erstmals in Erscheinung. Gemeinsam mit Prof. Walter Redl engagierte sie sich dafür, dass der Eichkogel bei Mödling unter Schutz gestellt wird. 34 ha wurden anschließend als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Seither stand der Eichkogel im Brennpunkt der Naturschutzinteressen, sodass in den 1990er Jahren sogar LH Dr. Erwin Pröll persönlich die Patronanz für das Gebiet übernahm.

Ein Jahr später bekam die Landesgruppe die nächste Chance, sich zu beweisen und tat es auch. 1961 verhinderte sie einen Umbau der Burg Liechtenstein und des Areals der Burg zu einer Kugellagerfabrik mit Arbeiterwohnanlage mithilfe einer Verteilung von Flugblättern und einer Unterschriftensammlung.

1962 war Prof. Oszczity viel zu früh verstorben. Soweit bekannt, hat daraufhin Dr. Lothar Machura (1909-1982) bis 1965 den Vorsitz der Landesgruppe übernommen. Als zentrale Figur im Naturschutz in Ostösterreich, war er über die Vereinsgrenzen hinweg vielfältig tätig (Biologische Station Neusiedler See, Österr. Vogelwarte, NÖ Naturparke).

 

Neue Herausforderungen und Öffentlichkeitsarbeit
1965 hatte Prof. Dr. Herbert Tezner, ein Biologielehrer, den Verein übernommen. In seine Zeit fällt die Rettung der „Ötscher-Tormäuer“, denen durch Pläne der NEWAG in einem Landschaftsschutzgebiet  ein drittes Wasserkraftwerk drohte und damit Teile der Felsschlucht überflutet bzw. trockengefallen wären (Machura 1965). Im Oktober 1968 kam das Aus für die Kraftwerkspläne.
In den 60er Jahren widmete sich die Landesgruppe verstärkt der Mitgliederwerbung und öffentlichen Meinungsbildung. Sie lancierte ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm: Zwischen 1963 und 1968 wurden acht zweitägige Exkursionen, 50 Ganztagsexkursionen, 28 Halbtagsexkursionen, 11 Vorträge, sieben Filmabende und sieben Auslandsreisen organisiert. Unter den Zielen fanden sich u. a. das Rhonedelta, die Niedere Tatra, die masurische Seenplatte, der Skutarisee und der Schwarzwald. Es war vor allem Frau Dr. Hildegard Tezner, die sich mit Erfolg um ein reichhaltiges Angebot und die Organisation gekümmert hat. 1966 konnten bereits 1100 Mitglieder verzeichnet werden.

Der Naturschutzgedanke fand erstmals ab 1965 als eine neue Rubrik „Naturschutz und Naturkunde“ in den Kulturberichten des Amts der NÖ Landesregierung Eingang. Einige Jahre später wurde ein selbst vervielfältigtes Informationsblatt an die Mitglieder des Naturschutzbund NÖ verschickt, das im Folgejahr um die Schriftreihe „Deine Umwelt – Naturschutzreport“ ergänzt wurde.

Grundstücke und Unterschutzstellungen
In die 60er Jahren fielen die ersten Grundstücksankäufe. Eine Schenkung brachte er Landesgruppe ein Grundstück in den Leiser Bergen ein, dazu kaufte sie Flächen in der Feuchten Ebene bei Moosbrunn an. Einen Teil der Geldmittel konnte man durch eine Postkartenaktion mit heimischen Pflanzen- und Fischarten  auftreiben. Die Politik überzeugte die Landesgruppe dazu von Unterschutztstellungen wertvoller Lebensräume wie zum Beispiel Glauslauterriegel, Hundsheimer Berg und Pischelsdorfer Wiesen.

Die 70er Jahre

Lokale Verankerung
Ganz im Sinne der programmatischen Worte von Prof. Oszczity wurde die Etablierung von Bezirks-, Orts- und Bereichsgruppen in ganz Niederösterreich gefördert. Diese formierten sich u. a. in St. Pölten, Mödling, Wiener Neustadt, Krems, Geras usw. Anfang der 70er Jahre bestanden ca. 40 Gruppen, die sich allerdings nur zu einem geringen Teil über längere Zeit halten konnten. Satzungsgemäß mussten zu erweiterten Vorstandssitzungen damit bis zu 60 Personen geladen werden. Naturgemäß waren der Erfolg lokaler Aktivitäten und der zeitliche Bestand der Gruppen oftmals mit dem Engagement von Einzelpersonen verknüpft.

Das europäische Naturschutzjahr
Das vom Europarat für 1970 ausgerufene „Europäische Naturschutzjahr“ brachte nicht nur auf gesellschaftlicher und politischer Ebene Fortschritte für den Umweltschutz, es gab auch dem Naturschutzbund und seinen Landesgruppen Auftrieb für Ihre Tätigkeiten. In Niederösterreich hatte im Jahr zuvor Dr. Erich Czwiertnia (der spätere „Naturschutzhofrat“) die Landesgruppe als Vorsitzender übernommen. Eine Werbeoffensive um Mitglieder war mit Hilfe eines Preisausschreibens – u.a. waren Flugreisen und Bücher zu gewinnen – sehr erfolgreich, und die Landesgruppe Niederösterreich war in den 1970er Jahren mit rund 3000 Mitgliedern der größte Zweigverein des Naturschutzbundes. Mit Herrn Kurt Klebert wurde Anfang der 1970er Jahre erstmals ein hauptamtlicher Geschäftsführer bestellt, der bis 1974 im Vereinsbüro in der Herrengasse tätig war. Zuvor hatte das Ehepaar Däubler ehrenamtlich die Geschäftsstelle betreut. Ab 1974 stand der Geschäftsführung als „gute Seele“ des Vereinsbüros Hannelore Aust zur Seite, deren vielfältige Tätigkeit weit über ihre Anstellung als Sekretärin hinaus bis zu ihrer Pensionierung 1994 unverzichtbar wurde.

Das Naturschutzjahr wurde vielfältig für Aktivitäten in Niederösterreich genutzt. Da man 1970 auch ein Gedenkjahr an Josef Schöffel feierte, wurde eine Resolution zum Schutz des Wienerwaldes vor der fortschreitenden Zerstörung an die Landesregierungen von Wien und Niederösterreich gerichtet. Positiv konnte die Eröffnung des Naturparks „Ötscher-Tormäuer“ vermeldet werden.

Schutz der Großtrappe 1979, © Kovac

Die Broschüre „Naturschutz und Landschaftspflege in Niederösterreich“  wurde den Mitgliedern, u. a. zur Finanzierung der erhöhten Ausgaben im Naturschutzjahr gegen Spende zur Verfügung gestellt. Durch den Verein selbst waren Biotoppflegearbeiten, die eine zunehmend wichtige Säule der eigenen Tätigkeiten werden sollten, u. a. auf den Fehhauben (bei Eggenburg) , am Bisamberg und in den Sandbergen Oberweiden durchgeführt worden.

Mitte der 70er Jahre wurde der Zusammenarbeit mit der NÖ Jägerschaft erstmals vermehrtes Augenmerk geschenkt, vor allem um eine Verbesserung für den Greifvogelschutz zu erreichen. 1979 wurden gemeinsam Maßnahmen zum Schutz der Großtrappe im Marchfeld (Einrichtung von Pachtflächen, Bestandzählungen, Leitungsmarkierungen) gestartet.

 

Unser „Marchfelddichter“ Helmut Pacholik hat sich sowohl um den Trappenschutz als auch um andere Naturschätze der Region wie das Steinröserl (Daphnis cneorum) in seinem „Traumwinkel“ in der Weikendorfer Remise besonders verdient gemacht.

Den Naturschutzgedanken vermitteln
Zielgruppen wie LehrerInnen, der Lokalpolitik und der breiten Öffentlichkeit wurde der Naturschutzgedanke auf Führungen, Vorträgen oder in Seminaren (Ökologie, biologischer Landbau), teils gemeinsam mit prominenten Persönlichkeiten wie z.B. Univ.-Doz. Dr. Bernd Lötsch, näher gebracht. Besondere Verdienste um das Führungsprogramm hatte sich zu dieser Zeit Ing. Hans Kinnl (1926-2008) gemacht, der sich mit großem Engagement gegen Raffineriepläne in der Lobau (bereits 1958) oder für den Schutz des Wienerwaldes, der Krimmler Wasserfälle und des Thayatals einsetzte.

Frau Maria Wolf (1919-2009) – Leiterin der Ortsgruppe Großenzersdorf – trug mit ihren in den 1970er Jahren gestarteten, viel besuchten„Lobauwanderungen“ viel zum Verständnis für den Schutz der Donauauen bei, was später nicht ohne positive Auswirkungen beim Widerstand gegen das geplante Kraftwerk Hainburg bleiben sollte. Beim NÖ Naturschutztag 1973 in Baden hielt Architekt Prof. Dr. Roland Rainer unter dem Titel „Lebensgerechte Städte“ einen viel beachteten Festvortrag. Dem Naturschutzbund NÖ war ein eigener „Expertenkreis aktiver Umweltschutz“ mit 26 Universitätslehrern unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Kühnelt angeschlossen, auf deren Fachmeinung immer wieder zurückgegriffen werden konnte. Dr. Czwiertnia selbst wurde in drei Kommissionen der Österr. Akademie der Wissenschaft berufen.

Der Ankauf wertvoller Naturflächen als eine der zentralen Vereinsanliegen wurde fortgesetzt und u. a. Grundstücke in den Pischelsdorfer Fischawiesen (ab 1979), im Gurhofgraben in der Wachau (1977) erworben. In diesem Zusammenhang ist das ehemalige Vorstandsmitglied beim Naturschutzbund NÖ Dr. Friedrich Kasy (1920-1970) hervorzuheben. Kasy war ein Vorreiter in Sachen Grundankauf wertvoller Naturflächen in Ostösterreich und setzte nicht nur seine Fachkenntnis in den Dienst der Sache, sondern auch eigene Geldmittel im beträchtlichen Umfang dafür ein. Einige privat angekaufte Grundstücke übergab er später dem Naturschutzbund NÖ.

Beginn der Ära Kurt Fritscher
Mit Inkrafttreten eines neuen Naturschutzgesetzes in Niederösterreich 1977 wurde erstmals eine eigene Naturschutzabteilung installiert, zu deren Leiter Dr. Czwiertnia auf Initiative von Landeshauptmann-Stvr. Hans Czettel bestellt wurde.

Mit seiner bisherigen Funktion als Vereinsvorsitzender und nun amtlicher Leiter des behördlichen Naturschutzes entstand „eine Sternstunde des NÖ Naturschutzes“, die unter anderem mit der Einrichtung von 20 neuen Naturschutzgebieten und der alsbaldigen Neueinrichtung zweier Fachposten (mit dem Zoologen Dr. Erhard Kraus sowie dem Botaniker Dr. Erwin Neumeister) belegbar wird.

Dem NÖ Naturschutzbund war allerdings sein Vorsitzender abhanden gekommen. Nun sollte mit dem Wissenschaftsjournalisten und Schulungsbeauftragten der NÖ Berg- und Naturwacht Kurt Fritscher (1928-1998) eine ganz andere Charakterperson über 20 Jahre die Geschicke des Vereins leiten.

Kurt Fritscher, Obmann von 1977 - 1998 , Archiv NÖNB

Die 80er Jahre

Aktion von Kurt Fritscher, Archiv NÖNB

Große Herausforderungen
In den 1980er Jahren erforderten große Themen den ganzen Einsatz des Vereins und seiner lokalen Gruppen, die sich an den Brennpunkten des Naturschutzes zusammen mit anderen Organisationen und Bürgerinitiativen erfolgreich engagierten: Die Antiatom-Initiative „Nein zu Zwentendorf“ (und später gegen AKW-Pläne in St. Pantaleon) mit Univ.-Doz. Dr. Peter Weish als Fachmann an der Spitze, die Verhinderung von Kraftwerken in der Wachau (um 1972), im Kamptal (1982/83) – wo mit der lokalen Bürgerinitiative ein Sperrgrundstück angekauft wurde – im Yspertal (1983) und insbesondere der Einsatz gegen das Donaukraftwerk bei Hainburg (1984) müssen hier angeführt werden. In diesem Zusammenhang ist unser früheres Vorstandsmitglied Silvia Leitgeb (1928-2011), später für ihre Verdienste als „Johanna der Au“ betitelt, für ihren persönlichen Einsatz und die Mobilisierung der örtlichen Bauernschaft im Hainburgkonflikt zu danken, die sie zum Mittun bewegen konnte. Dank zähem Einsatz seit 1974 ist es unserem Mitglied Helmut Salek und seinem Mitstreiter Franz Kraus im Rahmen der 1984 gegründeten „Bürgerinitiative Thayatal“ die Verhinderung eines Thaya-Kraftwerks bei Byci skala gelungen.

Kurt Fritscher betätigte sich nicht nur als Brückenbauer zur Jägerschaft, auch die Landwirtschaft wird zum Partner. 1987 wird als positive Folge gegnerischer Auseinandersetzungen um die Planung zum Nationalpark Donau-March-Thaya-Auen der Distelverein in Orth/Donau (ab 1997 in Deutsch Wagram) gegründet, dessen Träger die NÖ Landeslandwirtschaftskammer, der NÖ Landesjagdverband, der Naturschutzbund NÖ und der WWF Österreich werden – mit Obmann Hermann Schultes und Kurt Fritscher im Vorstand. Die gemeinsame Lösung ökologischer Probleme war das verbindende Element. Erfolgreiche Aktionen wie das Ökowertflächen-Programm und das Projekt „Organisationsmodelle bäuerlicher Landschaftspflege“ wurden konzipiert und umgesetzt.

Unter Fritscher wurden auch mehre erfolgreiche, öffentlichkeitswirksame Aktionen, wie „Setz Deinem Kind einen Baum“ oder „Patenschaft für Tiere“ (für Grundankäufe) durchgeführt und es lag ihm die ÖNB-Aktion „Die Ökokette“ für eine umweltbewusste Lebensweise sehr am Herzen.

Die 90er Jahre

Organisatorische Änderungen
Nach der Pensionierung von Hannelore Augst 1994 wurde nicht zuletzt infolge des zunehmenden wachsenden Aufgabenbereichs das Vereinsbüro mit einer Biologin, Dr. Ursula Schober, besetzt. Sie strebte v. a. den Kontakt zu anderen NGOs an und bemühte sich um die Verbesserung des Mitgliederservices. Erhöhten Arbeitsaufwand zog 1995 die fünfte Übersiedlung des Vereinsbüros (nach Sitzen in Mödling und Wien I, Herrengasse 9 bzw. Bankgasse 1) in Räumlichkeiten der ÖGNU (heute Umweltdachverband) in die Alserstraße 25, 8. Bezirk Wiens, nach sich.

Die neue Geschäftsführung lenkte ihre besondere Aufmerksamkeit auf den Ausbau des Naturschutzzentrums Gmünd (G.A.N.Z.). Hier hatte der Verein 1986 das Haus des Bildhauers Carl Hermann (1918-1986) als Schenkung erhalten. Es sollte als Gedenkstätte an das Wirken des bekannten Bildhauers erinnern und für grenzüberschreitende naturschutzfachliche Aktivitäten im Waldviertel zur Verfügung stehen. In diesem Zusammenhang wurde bereits 1994 unter dem Motto „Natur kennt keine Grenzen“ der NÖ Naturschutztag in Gmünd abgehalten mit Univ.-Prof. Dr. Bernd Lötsch, der dem Naturschutzbund NÖ seit vielen Jahren verbunden war, als Festredner. Engagiert wurden 1995 im neuen G.A.N.Z. „Naturerlebnistage für Kinder“ und ein „Tag der offenen Tür“ abgehalten, 1996 folgten mit über 500 Teilnehmern ein G.A.N.Z-Wandertag und ein Seminar „Natur erleben, Landschaft bewahren“. Unsere Mitglieder Karl Heinz und Marietta Tröstl stellten ihre freiwillige Arbeit vor Ort ganz in den Dienst der Sache. Eine sinnvolle Nutzung sollte sich – ungeachtet vieler Anstrengungen – aber nach 1999 nicht mehr einstellen, sodass 2006 das Haus mit Einverständnis der Witwe Hermanns verkauft wurde.

Fischotter - Schutz und Naturschutzbund-Logo
Die 1990er Jahre galten erneut ganz dem Schutz des Fischotters, wo der Naturschutzbund NÖ Entschädigungen an Teichwirte zahlte, Forschungsarbeiten (mit dem Wildbiologen Dr. Andreas Kranz) veranlasste und am 20.8.1996 ein vielbeachtetes Pressegespräch „Fischotterschutz an der Wende“ im Café Landtmann abhielt.

Der Fischotter löste 1991 auch das alte Vereinslogo (Adler mit Edelweiß) ab und wurde als "Otti" zur Symbolfigur für den Österreichischen Naturschutzbund bzw. die Landesgruppen und ihre Aktivitäten. Gestaltet wurde das erste Fischotterlogo vom Weinviertler Künstler Prof. Hermann Bauch (1929-2006), der dem Umweltschutzgedanken sehr verbunden war. Angeregt wurde er dazu von Maria Wolf, die schon 1987 eine Fischotteraktion ins Leben gerufen hat.

Fischotterlogo (Otti) (ab 1991), © Archiv NÖNB

Ein halber Generationswechsel
Mit dem Ableben Kurt Fritschers hatte für kurze Zeit (1998) MR i.R. Dr. Alfred Micholitsch die Vereinsführung übernommen, dem im Herbst 1998-2005 erneut wHR Dr. Czwiertnia als Vorsitzender folgte. Als strategischem Vordenker war Dr. Micholitsch nicht nur seine engagierten Mitarbeit in Planungsgremien, z. B. Arbeitskreis „NÖ Naturschutzkonzept“ wichtig, auch die Anwerbung junger, naturschutzfachlich geschulter Kräfte für die Vereinsarbeit war ihm ein besonderes Anliegen. Mit Erfolg, denn universitär ausgebildete Biologinnen und Biologen konnten zur Mitarbeit im Büro und im erweiterten Vorstand gewonnen werden.

Als neue Angestellte begann die „frischgebackene“ Ökologin Mag. Susanne Wegenkittl 1996 mit ihrer Arbeit und übernahm aufgrund der Karenzierung von GF Dr. Schober im August 1996 auch die Leitung der Geschäftsstelle. Freiwillig unterstützt wurde sie von Reg. Rat i.R. Herbert Hantschk (1920-2011), der schon einige Jahre im Büro in der Alserstraße tätig war. 1996 konnte auch die Publizistin Mag. Barbara Grabner zur Mitarbeit bei der Öffentlichkeitsarbeit gewonnen werden, dem der Wunsch der Vereinsführung zu einer professionellen PR-Arbeit vorausging. Zu ihrer ersten Aufgabe zählte die Neugestaltung und Herausgabe der Vereinsinformationen, die sich in der Folge als „Naturschutz-bunt“ zu einer umfassenden, heute 3x jährlich erscheinenden Mitgliederzeitschrift entwickelten. Erfolgreich wurde von Grabner in die Pressearbeit investiert. Heute sind regelmäßige Naturschutzbeiträge in bekannten Tageszeitungen, landesweiten Zeitschriften und in Gemeindeblättern ein wichtiges publizistisches Sprachrohr der Vereinsarbeit.

Arten- und Naturschutzprojekte
1998 war Kurt Malicek, der langjährige Leiter der Regionalgruppe Fischawiesen, in den Vorstand als Vorsitzender-Stv. gewählt und damit einem stärker werdenden Wunsch nach „frischem Wind“ im Verein einmal mehr Rechnung getragen worden. Als Betreuer der Vereinsprojekte hat er viele neue Initiativen im Arten- und Naturschutz gesetzt und durch Kontakte zu Gleichgesinnten seiner (jüngeren) Generation Fachexpertise in den Verein geholt. Auch konnte er als Mitarbeiter der NÖ Naturschutzabteilung den Kontakt zwischen den beiden Institutionen für Verbesserungen in der Naturschutzarbeit nutzen.

Im Artenschutz standen Bienenfresser (Bestandserfassung und Brutplatzbetreuung durch DI Frank Grinschgl, Seeadler, Schwarzstorch (gemeinsam mit BirdLife Österreich), Rauch- und Mehlschwalbe (Verkauf von Kunstnestern), der Biber (langjährig betreut durch Alois Bauer) sowie weiterhin Großtrappe und Fischotter, der mit der Ausbreitung wieder zunehmend ins Visier der Fischerei gekommen war, im Fokus der Vereinstätigkeiten. Unter den Lebensräumen galt den Feuchtwiesen im Osten Niederösterreichs sowie dem Totholz und alten Bäumen besonderes Augenmerk. In einem von der NÖ Naturschutzabteilung geförderten Vereinsprojekt wurde von Mag. Kurt Nadler und DI Gudula Haug der Zustand der flächigen Naturdenkmäler des Bundeslandes erhoben (1998/99) und richtungsweisend der Nachholbedarf für die Schutzgebietes Niederösterreichs und eigene zukünftige Aufgaben aufgezeigt. Ebenso wurden 1996 durch Dr. Norbert Sauberer die Grundstücke im Vereinsbesitz beschrieben und inventarisiert sowie in einer umfangreichen Broschüre „Kostbarkeiten im Besitz des Naturschutzbundes Niederösterreich“ (1999) publiziert.

Der Weg ins 21. Jahrhundert

Drei Präsidenten: Czwiertnia, Hödl und Micholitsch (2006), © Hans-Martin Berg

Mit dem Beitritt zur EU änderte sich viel für den Landes-Naturschutz. Neue Rechtsnormen (FFH- und Vogelschutz-Richtlinie, Wasserrahmen-Richtlinie u.a.) mussten in die Gesetzgebung eingehen, das EU-weite Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 war umzusetzen und die bisherige Praxis im Naturschutzvollzug musste neu ausgerichtet werden. In Niederösterreich war wegen der anfänglich hochambitionierten Schutzgebietsausweisung viel Staub unter betroffenen Grundeigentümern, Land- und Forstwirten aber auch der Jägerschaft aufgewirbelt worden. Eine völlige Beruhigung und Akzeptanz ist bis heute nicht eingetreten, was sich nach der erfolgten Flächenfestlegung vor allem in einer schleppenden Umsetzung und fehlenden Beachtung der Schutzinhalte niederschlägt. Andererseits entstanden durch die EU-Vorgaben, durch das Modell „Vertragsnaturschutz“ und durch umfangreiche Förderprogramme (Ländliche Entwicklung, LIFE, Leader usf.) neue Möglichkeiten, viele anstehende Naturschutzaufgaben anzugehen. Für die Naturschutzorganisationen, letztlich für unseren Verein, ergab sich damit die große Chance angestrebte Ziele durch geförderte Projekte vermehrt zu erreichen, auch wenn damit verbunden die Arbeit an der Vereinsbasis immer schwerer zu finanzieren war und ist.

Walter Hödl als neuer Vorsitzender
Für den Verein bedeutete dies die Arbeit vermehrt professionell auszurichten und möglichst viel Fachexpertise zu gewinnen. Im Vorstand wurde dem 2005 mit der Wahl von Univ.-Prof. Dr. Walter Hödl zum neuen Vorsitzenden und der Einholung weiterer Fachbiologen, wie Dr. Nobert Sauberer Hans-Martin Berg, Dr. Andreas Hantschk und wenig später Dr. Erich Eder entsprochen, ohne auf altbewährte im Verein erfahrene Kräfte, wie Christine Hajek als Schriftführerin und Karl Genau als Kassier zu verzichten. Dr. Czwiertnia war zunächst noch als geschäftsführender Vorsitzender tätig, bis er in Anerkennung seiner großartigen Verdienste um den Verein und weit darüber hinaus von der Generalversammlung am 16. Oktober 2010 die Ehrenpräsidentschaft verliehen bekommen hat. Mit Walter Hödl hatte der Verein das Glück eine neue charismatische Persönlichkeit, die wissenschaftliche Fachkompetenz wie didaktische Fähigkeiten gleichermaßen verbindet, an die Spitze zu bekommen.

Die Geschäftsstelle hatte die Biologin Mag. Margit Gross zielstrebig und mit viel Geschick mit Beginn 2000 übernommen. Das rasch wachsende Arbeitsvolumen machte 2005 die Anstellung der Botanikerin Mag. Gabriele Pfundner als Projektmanagerin und 2007 der Zoologin Dr. Karin Enzinger im Rahmen eines Zieselprojektes möglich und notwendig. Vermehrt wird auch die Möglichkeit der temporären Mitarbeit von PraktikantInnen im Rahmen einer universitären Ausbildung genutzt.

Biotoppflegeeinsatz im Siebenbründl, St. Pölten (2003)

Freiwillige im Einsatz
Weiterhin unverzichtbar ist die Mitarbeit von Freiwilligen in ganz unterschiedlichen Bereichen. Dazu zählen neben der Tätigkeit der Funktionäre in den Vereinsgremien, die Mitarbeit in den regionalen Gruppen, die regelmäßigen Biotoppflegearbeiten, Aufgaben in Projekten und Netzwerken (Zieselbeobachtung und Amphibienschutz an Straßen) und die Aufmerksamkeit von Mitgliedern vor Ort, die wertvolle Naturbeobachtungen erbringen und gerade beim Aufzeigen von Missständen und Natureingriffen die Vereinsarbeit unterstützen. Diese dezentrale aber strukturierte Aufgabenteilung ist nach wie vor ein Markenzeichen und Erfolgsrezept für den Naturschutzbund NÖ.

 

Das Ziel ist immer noch das gleiche

Die Vereinsstatuten formulieren die heutigen Vereinsziele in § 2 kurz aber umfassend: Der NATURSCHUTZBUND NÖ bezweckt Naturkunde, Natur- und Artenschutz, Umweltschutz und Landschaftspflege. Damit hat sich wenig in der Zielsetzung seit Anbeginn unseres Vereins 1960 geändert, auch wenn sich die Arbeit heute teils anderer, moderner Mittel  bedienen kann und vermehrt Kooperationen und Partnerschaften mit Politik, Verwaltung, Wissenschaft, anderen NGOs, Landnutzern und Firmen gesucht werden.

Neben der im ureigensten Interesse stehenden Aufgabe als Anwalt der Natur, der Schutzgebietspflege und einer moderaten Ankaufspolitik von wertvollen Naturflächen, nimmt ein Schwerpunkt der Arbeit die Durchführung von Projekten ein. Hier werden Grundlagen für die Pflege in Schutzgebieten, die naturkundliche Dokumentation unserer Eigengründe, Artenschutzprojekte, faunistische und floristische Arbeiten und erhoben und Evaluierungen durchgeführt.

Moorschutz im Projekt ConNat, © Axel Schmidt

Immer wieder gibt es große Kampagnen des Naturschutzbund Österreich, wo sich selbstverständlich auch die Landesgruppe Niederösterreich mit Ideen und Umsetzungen einbringt. Die Finanzierung erfolgt aus Eigenmitteln, einem Fördertopf des Naturschutzbund Österreich, von strategischen Partnern (Gemeinden, ÖBF-AG, ÖBB, NÖ Landesjagdverband u. a.) und insbesondere durch das Land NÖ aus Mitteln des Landschaftsfonds oder EU-kofinanzierten Töpfen (Ländliche Entwicklung). Mit mehreren Großprojekten konnte auch wesentlich zur Profilierung und Kompetenz des Vereins beigetragen werden, etwa im Ziesel- und Amphibienschutz, im Moorschutz im Rahmen des grenzüberschreitenden Interreg-Projekts Connecting Nature AT-CZ, bei der Schutzgebietspflege und –Betreuung oder bei der Umsetzung des „Grünen Bandes“. Der Ankauf von naturschutzfachlich wertvollen Flächen wurde von Anbeginn des Vereins gezielt betrieben und konsequent fortgesetzt.

Die Rolle als Anwalt der Natur
Die wichtigste Tätigkeit des Naturschutzbund NÖ von Anbeginn an ist das Auftreten gegen naturzerstörende Projekte. Hier hat der Naturschutzbund NÖ viel Positives bewirken können, allerdings liegen Erfolg und Misserfolg eng nebeneinander.

Zu den großen Themen, die der Verein derzeit verfolgt, zählen die mangelhafte Umsetzung von Natura 2000 in Niederösterreich, eine naturschutzfachliche Optimierung von Schutzgebieten, ein immer noch ausständiges Großschutzgebiet an March und unterer Thaya, die Etablierung erneuerbarer Energien (Wind-, Wasserkraft, Solarenergie), die bei falscher Standortwahl oder rücksichtloser Nutzung letzter naturnaher Gewässer viel Schaden anrichten können, geplante Straßenbauten wie etwa im Marchfeld, die zunehmende Verfolgung von Fischotter, Biber & Co. sowie die ungewisse Zukunft für extensiv genutzte bzw. stillgelegte Flächen in der Landwirtschaft.

Der mangelnde Schutz alter (solitärer) Bäume und Alleen, die Sprengung/Beseitigung von Steinfluren, illegale Entwässerungen oder nachteilige Gewässereingriffe zählen zu den Alltagsthemen. Mit Anzeigen, Umweltbeschwerden, Behördenvorsprachen oder Einsprüchen versucht man hier Verbesserungen zu erreichen. Regelmäßig wird darüber in der Sparte „Anwalt der Natur“ in unserer Mitgliederzeitschrift darüber berichtet.