Gedanken zu 60 Jahren Naturschutzbund NÖ

© Hans-Martin Berg

Nur von wenigen bislang bemerkt steht unser Verein heuer in einem Jubiläumsjahr! 60 Jahre ist es her, als der Naturschutzbund NÖ am 11. Juni 1960 im Rittersaal des Niederösterreichischen Landhauses in Wien aus der Taufe gehoben wurde. Das Naturschutzverständnis in der breiten Bevölkerung, wie wir es heute kennen, war damals noch ein anderes, und so war es das ambitionierte Motto unseres ersten Obmanns Prof. Dr. Josef Oszczity „Den Naturschutzgedanken bis ins kleinste Dorf zu tragen …“.

Schwieriger Aufbruch
Nach den überwundenen Kriegsereignissen prägten viele Bereiche des menschlichen Handelns Aufbruchsstimmung und Fortschrittsgedanken, Land- und Forstwirtschaft waren im Umbruch, alte Kulturlandschaften und Naturflächen wurden sukzessive bewirtschaftungstauglich gemacht. Fluren wurden bereinigt und zusammengelegt, Böden drainagiert und melioriert, Hutweiden verschwanden, Tümpel wurden verfüllt, Flüsse ins Korsett gedrängt, Wälder zu Fichtenforsten umgewandelt, Spritzmittel ausgebracht und vieles mehr, um die wirtschaftlichen Erfolge zu nähren.

Und doch entstand Widerstand bei beherzten Menschen, die den Veränderungen und der Naturzerstörung kritisch gegenüberstanden. Sei wollten durch ihr Zusammentun die raumgreifenden Verluste vermindern. Keine leichte Aufgabe, da nach entbehrungsreichen Jahren bei wachsendem Wohlstand und Konsumverhalten der Bevölkerung für den fortschrittshemmenden Naturschutz wenig Verständnis gegeben war.

Und doch gab es vielerorts noch Natur, wie wir sie heute kaum mehr in unserer Landschaft kennen. Lang noch waren nicht alle Blumenwiesen und Weiden, große Trockenrasen, Streuobstbestände, Alleen und ungezähmte Fließgewässer beseitigt worden und sie beherbergten Arten, die wir heute in den Roten Listen ganz oben finden. Naturschutz wurde vor allem bewahrend praktiziert und so verdanken wir heute vielen Naturschätzen ihre Existenz. Das Engagement gegen eine Verschandelung der Landschaft, Naturfrevel, ausufernde Siedlungsentwicklung und unkontrollierte Müllentsorgung in der freien Natur waren weitere wichtige Themen unserer Vorgänger. Aktiver Schutz für bestimmte Arten stand noch kaum auf der Tagesordnung.

Eckpfeiler des Naturschutzes
Seither sind Jahrzehnte vergangen, die engagierte Anwaltschaft für die Natur ist die Hauptaufgabe des Vereins geblieben und hat wichtige Impulse durch das Europäische Naturschutzjahr 1978, den Fall „Hainburg“ 1984 und die weitreichenden Änderungen in der Naturschutz-Gesetzgebung durch den Beitritt Österreichs zur EU 1995 erhalten. Natur freikaufen, Biotope pflegen und Förderung gefährdeter Arten erlangten als Maßnahmen zum Schutz der heimischen Natur zunehmend an Bedeutung. Dank neuer öffentlicher Finanzierungsmöglichkeiten sind große Naturschutzprojekte möglich geworden, die einige Zeit vorher undurchführbar erschienen. Auch für den Naturschutzbund entstanden damit neue Tätigkeitsfelder. Legistische Regelwerke haben dem Naturschutz aus seiner Randposition ins Zentrum mancher Auseinandersetzung verholfen. Aber aus alten „Gegnern“ in Land- und Forstwirtschaft, Industrie und Politik sind auch Partnerschaften hervorgegangen, die sich zu gemeinsamem Handeln zum Schutz der Natur bekennen.

Die Gegenwart
Angekommen im 21. Jahrhundert könnte man die heile Welt des Naturschutzes vermuten. Doch erneut steht dieser mehr denn je auf gläsernen Füßen, obwohl die Wissenschaft den Schutz der Natur und natürlicher Ressourcen als essenziell für uns Menschen bestätigt. Das Ringen um Flächen in der Landschaft für die Natur wird mehr und mehr zum Konkurrenzkampf zwischen Naturschützern, Agroindustrie, wachsenden Siedlungen, Straßenbau, Freizeitgesellschaft und Energieversorgern. Wenn auch oder gerade weil der Naturschutz stärker geworden ist, verhärten sich die Fronten, pure Lippenbekenntnisse und Greenwashing der Gegner schüren das Misstrauen. Traurig, wenn selbst Erfolge des Artenschutzes für die großen Beutegreifer neue alte Konfliktfelder öffnen.

Das Vorantreiben des Wirtschaftswachstums, Klimawandel und die aktuelle Corona-Krise und alle mit ihr verbundenen Auswirkungen sind schließlich zur globalen Herausforderung geworden, die den Natur- und Artenschutz im Ringen um Ressourcen im Kern seiner Aufgaben bedrohen. Die Naturschutzverbände, wie auch unser Verein halten redlich engagiert dagegen und gewinnen damit auch engagierte BürgerInnen als neue Verbündete, Mitarbeiter und Unterstützer, die nicht tatenlos den unübersehbaren Naturverlusten zusehen wollen. Ein Hoffnungsstrahl, der auch unserem Verein im kommenden Jahrzehnt und darüber hinaus glänzen möge.

Hans-Martin Berg

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